Frühling
Zwischen endlosen Apfelplantagen radle ich im Hinterland des Bodensees auf einer kleinen Asphaltstraße Richtung Esseratsweiler, um eine Freundin zu besuchen. Apfelbäume, sogenannte Niedrigstämme, stehen zu beiden Seiten der Straße in Reih und Glied wie gehorsame Soldaten, die nur dazu da sind, Äpfel zu produzieren.
Es geht steil bergauf, und ich bin außer Atem. Was ich hinter der nächsten Kurve sehe, lässt mich sofort vom Rad springen. Ein Bauer sprüht gerade Pestizide in seiner Plantage. DAS will ich nicht einatmen und so warte ich mit der Weiterfahrt, bis sich mein Atem beruhigt hat.
„Ich mag keine Äpfel,“ schießt es mir durch den Kopf. Während ich weiterradle, erinnere ich mich an meine Mutter. Ihre Eltern hatten einen Bauernhof mit einem schönen Obstgarten. Doch durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs waren meine Großeltern, meine Mutter, die damals 15 Jahre alt war, und ihr kleiner Bruder gezwungen, ihren Hof, ihre Tiere und ihren geliebten Obstgarten zu verlassen. Ich hörte meine Mutter von frühester Kindheit an bis ich sie auf ihrem Sterbebett begleitete, den Verlust dieser Apfelbäume beklagen. Sie hatte als Kind jeden Tag einen Apfel mit in die Schule genommen und bis in ihrer 90er Jahre gesunde Zähne.
Meine Eltern hatten zwar in ihrer neuen Heimatstadt einen Gemüsegarten angelegt, doch keine eigenen Apfelbäume mehr. So war meine Mutter gezwungen, Äpfel im Supermarkt zu kaufen, denn sie wollte, dass auch wir Kinder Äpfel essen. Oftmals hörte ich sie jedoch sagen:
„Was haben sie nur mit den Äpfeln gemacht? Sie schmecken nicht!“
„Hallo, Karin!“, meine Freundin steht in der Haustür und reißt mich aus meinen Gedanken. Bei einem frisch gebrühten Kaffee erzähle ich ihr, was gerade passiert ist.
Sie weiß, wovon ich spreche. Jeder hier weiß es.
Während sie einen Keks aus der Schale nimmt, gibt sie zu Bedenken: „Weißt du, die Bauern hier müssen mit billigen Äpfeln aus Südafrika oder sogar Südamerika konkurrieren. Daher spritzen die meisten der über 1000 landwirtschaftliche Betriebe eben intensiv. Ich habe gerade den Pestizidbericht des NABU gelesen; es können bis zu 30 Spritzungen im Jahr sein.“
„Ja“, nicke ich, „aber es muss doch eine Lösung geben, zumindest für mich!“
„Äpfel müssen sauber und perfekt sein. Das ist es, was die Leute mögen – du bist eine Ausnahme.“
Ich seufze.
„Warum gehst du nicht zur Frucht Welt? Das ist hier am See die Internationale Fachmesse für Obstbau, Destillation und Agrartechnik. Vielleicht findest du da…“
„…ich war im Februar dort“, unterbreche ich ihren Vorschlag, „aber ich habe nur große Maschinen zum Beschneiden und Pflücken gesehen, riesige Geräte zum Destillieren. An jedem Stand boten die Verkäufer Teller und Körbe voller Äpfel an. Aber die sahen aus, als kämen sie gerade aus einem 3D-Drucker: kein einziger Fleck, einheitlich rot oder grün, überzogen mit einer schicken Lackschicht. Alles nur Fassade! Nichts zum Reinbeißen
„Ich mag keine Äpfel!“, denke ich erneut.
Sommer
Es ist die Ferienzeit. Für ein paar Wochen fahre ich in die Bretagne. Ein Freund bietet mir Apfelwein an, doch ich bin skeptisch. Aufgewachsen in einer Stadt, die für ihren Apfelwein berühmt ist, habe ich ihn einmal und nie wieder probiert, denn für mich schmeckte er wie wässriger Apfelsaft mit einem Hauch von Spülmittel. Aber nun will ich die Gastfreundschaft meines Freundes nicht ablehnen. Zögernd nehme ich einen Schluck.
„Wow, das schmeckt ja toll!“ Sofort bin ich überzeugt. Seitdem gibt es für mich an einem heißen Sommertag nichts Besseres als ein Glas kühlen Cidre und die Suche nach den gut schmeckenden Äpfeln geht weiter.
Herbst
Zufällig treffe ich einen Bekannten. Er ist Arzt befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Allergien. Ich erzähle ihm von meiner, wie ich es nenne, psychologischen Allergie gegen Äpfel.
Er lacht. „Weißt du was? Allergien gegen Äpfel sind auf dem Vormarsch.“
„Kein Wunder. Sie sprühen sie das ganze Jahr über. Ich habe gehört, bis zu dreißig Mal.“
„Ja“, bestätigte er, “aber das liegt nicht nur an den Herbiziden und Pestiziden. Manche Leute sind auch allergisch auf Bio-Äpfel.“
„Das klingt seltsam, oder?“
„Nein, ganz und gar nicht. Die neueren Sorten wie Golden Delicious oder Granny Smith haben ein größeres Potenzial, Allergien auszulösen als die alten Sorten. Aber genau dieses allergische Potenzial scheint eine größere Resistenz gegen Schädlinge zu bieten.“
Mein fragender Blick veranlasst ihn, fortzufahren.
„Äpfel enthalten natürliche Phenole, die mehr Farbe und Geschmack, aber auch mehr Säure produzieren. Um den Säuregehalt zu reduzieren, wie es der Markt verlangt, haben sie auch die natürlichen Phenole reduziert, was zu einem Mangel an Geschmack und einer besseren Resistenz gegen Schädlinge führt.“
Ich seufze.
„Was dich vielleicht interessiert: Je länger man einen Apfel lagert, desto mehr nimmt der Phenolgehalt zu. Deshalb sind diese Äpfel für besser verdaulich.“
„Klingt wirklich interessant, aber wo kann ich diese alten Sorten finden? Alle Bauern hier in der Gegend bauen diese neuen Sorten an, nur für den Markt und ihren Erfolg.“
Er erzählt mir von Anne, seiner Frau, die eine Streuobstwiese mit alten Sorten hat und dass sie gerne jemanden hätte, der sie unterstützt, da sie die Arbeit alleine nicht schafft. Also verabrede ich mich mit ihr und freue mich darauf, sie auf dieser besonderen Wiese zu treffen.
Wieder einmal nehme ich mein Fahrrad und fahre hinaus aus der Stadt hinaus. Maisfelder zu meiner Rechten, industrielle Apfelplantagen zu meiner Linken. Schließlich komme ich durch einen Wald; die Luft ist frisch und riecht intensiv nach Fichten. Als sich der Wald lichtet, erreiche ich die Streuobstwiese. Ich fahre durch das alte Tor und da stehen sie: 30 Apfel- und Birnbäume – alte Sorten, ungespritzt, natürlich gewachsene Hochstämme. Anne ist auch schon da. Ein Milan kreist über uns, und in einer der Baumkronen entdecke ich einen Turmfalken.
„Nimm dir einfach einen und probiere!“, fordert mich Anne auf.
Ich schaue mich um, pflücke einen knallroten, poliere ihn ein wenig an meiner Jeans – so habe ich das als Kind gerne gemacht – und beiße hinein.
„Wow, das ist der Geschmack, den ich gesucht habe: frisch, saftig, knackig, nicht mehlig …
Während Anne einen Korb holt, um Äpfel für einen Apfelkuchen zu pflücken, zählt sie Namen auf: Cox Orange, Schweizer Glockenapfel, Kaiser Wilhelm, Gräfin von Paris, Conference…
„Ich glaube nicht, dass ich sie alle auf einmal probieren kann!“
„Na, dann füll doch einfach deinen Rucksack. Du kannst so viel mitnehmen, wie du willst. Für mich sind das viel zu viele …
… übrigens, wenn du dich so sehr für Äpfel interessierst, solltest du nächstes Wochenende das Apfelfest besuchen. Da gibt es viele Experten und alte Sorten.“
„Apfelfest? Noch nie davon gehört. Klingt gut.“
Ich notiere die genauen Informationen und radle vier Tage später zur Weilermühle: Kinder springen herum, Männer tragen schwere Körbe mit Äpfeln, Frauen sind mit Kuchen und Kaffeekannen beladen. Ich schaue mich um: Eine riesige, von Hecken umgebene Wiese, Dutzende von Apfel- und Birnbäumen. Im Hintergrund ein Tipi, ein Lagerfeuer, ein Grill. Unter einem großen Dach pressen Jugendliche mit Handpressen eifrig Äpfel, der frische Saft läuft… Kleinkinder mit saftigen Gesichtern und klebrigen Fingern toben herum. Hinter einem langen Tisch finde ich die Experten mit großen, schweren Büchern, die helfen, alte Sorten zu bestimmen. Einige Leute bringen Äpfel aus ihren eigenen Gärten mit und bitten um Unterstützung.
Ich blättere in den Büchern – künstlerische Zeichnungen und Aquarelle, lateinische Namen, Informationen über Anbau, Lagerung und Geschmack. Es gibt so viele Sorten und Namen, die ich noch nie gehört habe. Fast wird mir schwindelig. Daher nehme ich mir EIN Buch „Von der Kunst die Früchte zu zähmen. Eine Kulturgeschichte des Obstanbaus“ von Bernd Brunner – und einen Kaffee. Beim Blättern bleibe ich an einer Stelle hängen:
„Mit keiner anderen Person ist die Verbreitung des Apfels in Amerika so eng verbunden wie mit John Chapman (1774-1847) aus Longmeadow in Massachusetts. Im Jahr 1797, im Alter von 23 Jahren, soll er sich mit ein paar Apfelkernen in seinem Rucksack auf den Weg gemacht haben. Die Legende besagt, dass „Johnny Appleseed“, der immer barfuß ging, nur mit einem Kaffeesack bekleidet war und in hohlen Bäumen schlief, immer weiter nach Westen vordrang, sogar über die Siedlungsgrenze, die Frontier, hinaus, wo er mit den Samen Baumschulen anlegte und zwei- bis dreijährige Bäume an die Siedler verkaufte, bevor er weiterzog.
Während ich lese, greifen ein paar klebrige Finger nach meiner Hand. Es ist Kaiva, Annes Enkelin.
„Bitte komm mit mir!“ Sie zerrt an mir.
Anne taucht hinter ihr auf und erklärt: „Im Tipi gibt es eine Erzählerin, vielleicht wollt ihr beiden die Geschichte von Johnny Appleseed hören?“
„Ja, warum nicht? Das passt gerade gut.“
Wir gehen hinüber und betreten das Tipi. Eine alte Frau steht im schummrigen Licht, umgeben von Kindern und Erwachsenen. Wir kommen zur rechten Zeit. Kaiva sitzt auf meinem Schoß, jeder von uns hat einen Apfel in der Hand, und wir lauschen der Geschichte von Johnny Appleseed.
Schade, denke ich, es wäre schön, wenn meine Mutter hätte dabei sein können.
Ich mag Äpfel!

